Armin Risi
(Bearbeiteter Auszug aus dem Buch Einheit im Licht der Ganzheit – Orientierung im Labyrinth von Religion, Erleuchtung und
New Age, 2011; auf der Grundlage des Buches Der radikale Mittelweg – Überwindung von Atheismus und Monotheismus, 2009)
Spirituelles Unterscheidungsvermögen
Warum Polarität und Dualität nicht dasselbe sind
Sind Gut und Böse letztlich eins? Oder ist beides eine Illusion? Oder eine notwendige Erfahrung? Das Kennen des Unterschieds von Polarität und Dualität ist die Grundlage, die es uns ermöglicht, Missverständnisse und Halbwahrheiten zu vermeiden und eine klare Ausrichtung des Bewusstseins zu finden – als Schlüssel zur Schöpfung einer neuen Realität in Resonanz mit der neuen Zeit.
Einheit, Polarität, Karma – diese einfachen und doch komplexen Themen können auf unterschiedliche Weise erklärt werden. Grundlegend sind hier zwei Sichtweisen zu unterscheiden, die der atheistischen oder monistischen Esoterik und die der theistischen (ganzheitlichen) Spiritualität. Werden die genannten Themen nicht ganzheitlich verstanden, führt dies zu Ansichten wie: Gut und Böse seien voneinander abhängig, alles sei eine notwendige Erfahrung, wer das Gute tue, fördere indirekt das Böse, und das Böse fördere indirekt das Gute, denn »alles ist eins«, »alles ist gut«. Intuitiv verstehen wir natürlich, was mit »alles ist eins« gemeint ist, doch in der heutigen Zeit, wo die Intuition vielfach verdrängt oder mental übertönt wird, kann es schnell geschehen, dass die Klarheit des Wissens und Gewissens verwischt wird, nicht zuletzt auch in machtpolitischen Kreisen. Der Bewusstseinswandel, der heute auf allen Ebenen notwendig geworden ist, bringt auch ein neues, spirituelles Unterscheidungsvermögen (sanskr. tattva-viveka) mit sich.
Theistische und atheistische Esoterik
Die atheistischen Formen von Esoterik sprechen ebenfalls von »Gott«, und das mag verwirrend sein. Wenn ein Weltbild Gott beinhaltet, wie kann es dann atheistisch
sein? Die entscheidende Frage lautet hier natürlich: Was versteht man unter »Gott«? Die atheistische Esoterik sagt, Gott sei die »Einheit« und nur die Einheit sei Realität, was bedeutet, dass alles,
was nicht »Einheit« ist, Illusion ist. Man glaubt, alles Relative sei Illusion, alles Individuelle sei Illusion, vor allem sei die Unterscheidung von Gut und Böse Illusion!
Demgegenüber betont das theistische Verständnis, dass Gott nicht nur »Einheit«, sondern GANZHEIT ist. Ganzheit umfasst sowohl die Einheit als auch die Vielheit. Wir
sollten also unterscheiden zwischen einer ganzheitlichen Spiritualität und den verschiedenen Formen von Einheitslehren (Lehren, die die Einheit verabsolutieren). Wenn man nicht die Ganzheit, sondern
nur die Einheit als Realität sieht, führt dies zu einem einseitigen, unvollständigen Verständnis von Dualität, Polarität und Einssein.
Die Verabsolutierung der Einheit
Die folgenden Zitate veranschaulichen, wie in der Weltsicht der esoterischen Einheitslehren Dualität und Polarität gleichgesetzt werden. Wer Dualität und Polarität
gleichsetzt, meint, Gut und Böse seien eine polare Einheit und seien nicht zu trennen, weil »alles eins« sei.
»Weigere ich mich auszuatmen, so kann ich auch nicht mehr einatmen. Nehme ich den negativen Pol des elektrischen Stroms weg, so verschwindet auch der positive Pol.
Genauso bedingt der Friede den Krieg, das Gute erzwingt das Böse, und das Böse ist der Dünger des Guten. [...] Alle Dinge sind an sich völlig wertfrei und neutral. Die Einstellung des Menschen macht
aus ihnen erst Gegensätze der Freude und des Leids.«
Dieses Zitat stammt aus dem Esoterik-Klassiker Schicksal als Chance von Thorwald Dethlefsen (1979, S. 73f.). Stimmt das, was hier gesagt wird? Bedingt Friede den Krieg?
Erzwingt das Gute das Böse? Diese Aussagen sind exemplarisch für eine undifferenzierte Einheitslehre: »Allein unsere Überlegungen zum Polaritätsgesetz führen zu der Konsequenz, dass Gut und Böse zwei
Aspekte ein und derselben Einheit und daher in ihrer Existenz voneinander abhängig sind. Das Gute lebt vom Bösen und das Böse lebt vom Guten – wer absichtlich das Gute nährt, nährt unbewusst das Böse
mit.«*
Natürlich betonen alle, die solche Einheitslehren vertreten, dass damit keinesfalls ein willkürliches Verhalten des Menschen legitimiert werde. Gleichzeitig sagen sie
jedoch, dass alles »an sich völlig wertfrei und neutral« sei, also auch Lüge, Betrug, Krieg, Mord usw. Dies wiederum bedeutet, dass es letztlich kein Unrecht und auch nichts Böses gibt. »Unrecht ist
im Grunde genommen nur ein subjektives Erlebnis. Objektiv gibt es das nicht. [...] weil es das Gute und das Böse, die sich als zwei Prinzipien gegenüberstehen, gar nicht gibt. [...] Es gibt keine
Schuld oder Sünde. [...] Das heisst, Sünde hat mit objektiven Handlungen nichts zu tun, nur mit subjektiven. Es geht um das Bewusstsein.«**
Intuitiv spüren die meisten Menschen, dass bei solchen Ansichten etwas nicht stimmen kann. Wer das Gute tue, fördere dadurch das Böse? Wer Böses tue, diene indirekt dem
Guten? Wenn wir Gutes tun, fehle uns das Böse zur Ganzheit?
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* T. Dethlefsen: Ausgewählte Texte, München 1989, S. 62
** J. van Helsing: Geheimgesellschaften 3 – Ein Hochgradfreimaurer packt aus, S. 88, 92, 159, 161
»Alles ist eins« – auch Gut und Böse?
Wenn in den Geheimlehren der atheistischen Esoterik von »Gott« gesprochen wird, ist damit eine absolute Einheit gemeint: ein abstraktes, neutrales Total von Energie,
das weder Bewusstsein noch Willen hat. Dieser »Gott« ist bewusst-los und willen-los. »Dein Wille geschehe« ist kein Faktor in diesem Weltbild, zumindest nicht in bezug auf Gott, so wie Jesus es
meinte (Mt 6,10).
Die Ansicht, Gut und Böse seien als »Polarität« untrennbar miteinander verbunden, führt zu einer Rechtfertigung des Bösen (»das Böse fördert das Gute; ohne das Böse gäbe
es nichts Gutes«) und entspringt einem einseitigen, d. h. halbwahren Verständnis von Karma, welches besagt: »Es gibt keinen Zufall, es gibt keine unschuldigen Opfer, es gibt kein Unrecht. Alles, was
geschieht, haben die Opfer selber in ihr Leben gerufen. Wäre es nicht ihr Karma gewesen, wäre es ihnen nicht zugestoßen. Die Tatsache aber, dass es ihnen zustößt, zeigt, dass es ihr Karma war, d. h.
von ihnen selbst verursacht wurde. Denn alle schaffen ihre eigene Realität.«
Bei Argumentationen dieser Art wird meistens verschwiegen, dass die Annahme, es gebe keine unschuldigen Opfer, auch bedeutet, dass es keine schuldigen Täter gibt – was
jedoch nur für die »Erleuchteten« gilt. Für den Rest der Menschheit gilt: »Es gibt kein Unrecht, es gibt keine berechtigte Anklage, sondern nur Selbstanklage. Wenn du in einen Krieg oder in
Konzentrationslager gerätst, bist du selber schuld, und du kannst niemand anderem die Schuld geben, denn du hast dir diese Realität selber kreiert!«
Solche Aussagen sind nicht unwahr, sie sind halbwahr, und das macht die Verwirrung nur noch schlimmer. Es wäre besser, nichts von Karma und Reinkarnation zu wissen, als
mit solchem Halbwissen zu argumentieren. Hier sei die Frage erlaubt: Wie kann sich jemand für das Gute, für Gerechtigkeit und für den Frieden einsetzen, wenn er glaubt, Gut und Böse seien untrennbar
verbunden, das Gute nähre das Böse, und es gebe kein Unrecht?
Was bedeutet »Alles ist eins«?
Die Vielheit ist aus der Einheit entstanden und existiert vor dem Hintergrund dieser Einheit. Die Einheit und die Vielheit sind nicht Gegensätze, sondern zwei Aspekte
der Ganzheit. Aus theistischer Sicht ist Gott nicht einfach das Total aller Energie oder das Total aller Teile, denn das Ganze ist immer mehr als die Summe der Teile. Gott ist die allumfassende
Realität (Ganzheit), die sowohl Energie als auch Bewusstsein ist. Wird Gott nur als Energie und Einheit (Nondualität) gesehen, fallen wir in die Einseitigkeit der atheistischen Weltbilder. Wird Gott
nur als Bewusstsein, d. h. nur als »Person« gesehen, fallen wir in die Einseitigkeit der religiösen Absolutheits- und Monopolansprüche.
Die Erkenntnis der Nondualität (Einheit) bedeutet aus theistischer Sicht, dass wir uns nicht mit der Dualität identifizieren und angesichts der materiellen Gegensätze
(Freud / Leid, Erfolg / Misserfolg; Gut / Böse usw.) eine innere Neutralität entwickeln. Diese Neutralität ist die Grundlage eines jeden höheren spirituellen Verständnisses. Ganzheitliches
Gottesbewusstsein umfasst jedoch nicht nur die Erkenntnis der Nondualität, sondern auch der Individualität.
Einheit im theistischen Sinn ist das »unteilbare Sein«, was die wörtliche Bedeutung von Individualität ist. Individualität und Nondualität sind zwei Begriffe für
»Einheit« und beschreiben die zwei grundlegenden Aspekte der Ganzheit: Nondualität ist die Einheit aller Energie, Individualität ist die Einheit des Bewusstseins. Da die Ganzheit sowohl das Relative
als auch das Absolute umfasst, ist das unteilbar-bewusste (= individuelle) Sein die ursprüngliche Eigenschaft sowohl des Absoluten als auch des Relativen. Mit anderen Worten, weil Gott Bewusstsein
und Willen hat, finden wir diese Eigenschaften auch in uns, den »Teilen« Gottes.
»Alles ist eins« bedeutet aus theistischer Sicht: Alles ist verbunden, alles ist Teil derselben Ganzheit, alles ist eins und verschieden, verbunden und individuell. Die
Einheit allen Seins ist lebendig, differenziert und nicht getrennt; wir sind in Verschiedenheit eins mit Gott. Einheit in der Vielfalt, Vielfalt in der Einheit.
Liebe ist die höchste Realität
Wenn der Mensch sich selbst und Gott als unteilbares ewiges Sein und Bewusstsein (»Individuum«) erkennt, erkennt er auch, dass – und warum – Liebe die höchste
Realität ist. Denn Liebe ist das Bewusstsein, in dem wir erkennen, dass wir nie von Gott getrennt sind. Die Weltbilder, die einseitig das »nur identisch« oder das »nur getrennt« sehen, gründen nicht
in der Liebe und können daher auch nicht wirklich unterscheiden, denn das spirituelle Unterscheidungskriterium ist genau diese Liebe. Was führt zu dieser Liebe? Was entspringt dieser Liebe? Und was
nicht?
In den monistischen Weltbildern wird gesagt, Gott sei nur Einheit. Gott als ein Gegenüber (»Gott als Du«) wird als Illusion bezeichnet. Diese Philosophien verkennen Gott
und damit auch die Menschen als Gegenüber und sehen letztlich kein »Du«, sondern nur das abstrahierte Ich: »Es gibt keinen Gott außerhalb von mir.« Ohne die Wahrnehmung des Du sind wirkliche Liebe
und wirkliches Mitgefühl jedoch nicht möglich.
Göttliche Liebe (sanskr. bhakti) bedeutet, dass ich Gott als ein Du erlebe, von dem ich nicht getrennt bin. Im Licht dieses Du erkenne ich mich als Teil der Ganzheit.
Gott ist in mir und ich bin in Gott – das ist eine grundlegende Erkenntnis von Mystikerinnen und Mystikern aller Kulturen und Religionen. In der Bhagavad-Gita (6,29–30) sagt Krishna: »Wer wahre
Selbsterkenntnis erlangt hat (yoga-yuktâtmâ), sieht mich als Überseele (Paramâtmâ) in allen Wesen und sieht jedes Wesen in mir. Ein solcher Mensch sieht überall die göttliche Realität. / Wer mich
überall sieht und alles in mir sieht, ist niemals von mir getrennt, und ich bin niemals von ihm getrennt.« Praktisch das gleiche sagt auch der 1. Johannes-Brief (4,16) im Neuen Testament: »Gott ist
Liebe. Wer in der Liebe lebt, der lebt in Gott, und Gott lebt in ihm.«
»Ich bin Dein, und Du bist mein«, das ist die ekstatische Gemütsstimmung des Menschen, der in heiligen Momenten Gottes Liebe erfahren und erleben durfte. Ausdrucksstark
formulierte dies z. B. der Schweizer Nationalheilige Bruder Klaus (1417–1487):
Mein Herr und mein Gott,
nimm alles von mir,
was mich hindert zu Dir.
Mein Herr und mein Gott,
gib alles mir,
was mich fördert zu Dir.
Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen Dir.
Polarität und Dualität: nicht dasselbe
Was ist der Unterschied zwischen Polarität und Dualität? Diese Begriffe sollten nicht gleichgesetzt werden, denn sie sind nicht Synonyme. Polarität und Dualität können unterschiedlich erklärt werden. Die Erklärung, die ich hier gebe, geht von der wörtlichen Bedeutung aus. Polarität enthält den Begriff »Pol«: Elektrizität besteht aus zwei Polen, die nicht zu trennen sind und sich gegenseitig bedingen. Ebenso hat eine sich drehende Kugel zwei Pole. Bei der polaren Einheit von Nordpol und Südpol einer Kugel oder beim positiven und negativen Pol der Elektrizität ist klar, dass hier gleichwertige Gegenteile gemeint sind, wo es kein Gut und Böse gibt – im Gegensatz zur Dualität, die entsteht, wenn ein natürliches Gleichgewicht gebrochen wird. Hieraus lassen sich folgende Definitionen ableiten:
• Polarität: die Zweiheit von gleichwertigen, sich gegenseitig ergänzenden Polen, gründend im natürlichen Gleichgewicht der göttlichen Ordnung. Polarität ist das Grundprinzip der göttlichen Schöpfungsdynamik und ist Ausdruck der ursprünglichen Harmonie der materiellen Welt. Die Grundaspekte der Polarität sind Raum und Zeit, »positiv« und »negativ«, Yin und Yang, maskulin und feminin, Schöpfung und Auflösung, Sonne und Mond, Tag und Nacht, usw. Die Polarität als Grundprinzip der göttlichen Schöpfungsdynamik zeigt sich auch im Ein- und Ausatmen, angefangen mit dem Urschöpfergott Vishnu, der die Universen aus- und einatmet. Dass unser Atmen mit dem kosmischen Pulsieren verbunden ist, zeigt sich in jenen Formen von Meditation, die vom Grundrhythmus des Ein- und Ausatmens ausgehen.
• Dualität: die Zweiheit von gegenteiligen, sich gegenseitig ausschließenden Gegensätzen, die verursacht wird durch Spaltung und Einseitigkeit. Dualität entsteht, wenn jemand den göttlichen Mittelweg verlässt und das in der Schöpfung angelegte Gleichgewicht bricht, was religiös als Sünde bezeichnet wird. Weil Dualität mit der Spaltung und Störung eines natürlichen Gleichgewichts zusammenhängt, hat sie immer zwei Aspekte: das Zuviel und das Zuwenig.
Die typischen Beispiele von Dualität sind die Gegensätze gut und böse, gottzugewandt und gottabgewandt, Täter und Opfer, Liebe und Hass, Licht und Dunkelheit (als
Symbolik im Sinn von »Im-Licht-Sein« und »Getrenntheit vom Licht«). Wenn man Dualität und Polarität gleichsetzt – was alle Einheitslehren tun –, fällt man in die bereits erwähnte Falle, indem man
meint, gut und böse seien nicht zu trennen, so wie bei der Elektrizität der eine Pol nicht vom anderen zu trennen sei.
Dies jedoch ist ein großer Irrtum, der einer Verwechslung der Ebenen entspringt. Man kann das Ein- und Ausatmen oder die zwei Pole der Elektrizität (= Polarität) nicht
mit Gut und Böse (= Dualität) gleichsetzen. Nicht zu trennen sind die gleichwertigen Pole der Polarität, doch Polarität ist nicht dasselbe wie Dualität. Gut und Böse sind nicht gleichwertige Pole der
Polarität, sondern gegensätzliche Aspekte der Dualität. Was innerhalb der Dualität nicht zu trennen ist, sind die Prinzipien des Zuviel und des Zuwenig. Wer irgendwo im Zuviel ist, ist woanders
automatisch in einem Zuwenig.
Die Dualität des Zuviel und Zuwenig steht immer dem Gleichgewicht gegenüber, zu dessen Gegenteil sie sich gemacht hat. Das typische Symbol hierfür ist die Dunkelheit,
die sich vom Licht getrennt und vom Licht ausgegrenzt hat. In diesem philosophischen Sinn ist Dunkelheit das Gegenteil von Licht, aber Licht ist nicht das Gegenteil von Dunkelheit, denn die
Ausgrenzung erfolgte nur von der Seite der Dunkelheit. Nicht das Licht erzeugt die Dunkelheit, sondern die Kräfte, die sich aus eigener Initiative vom Licht trennen und sich selbst aus dem Licht
ausgrenzen – und dann religiöse oder atheistische Ideologien formulieren, um sich selbst und ihr Verhalten zu rechtfertigen.
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Die symbolische Dunkelheit ist das Gegenteil von Licht, aber Licht ist nicht das Gegenteil von
Dunkelheit, denn die Ausgrenzung erfolgte nur von der Seite der Dunkelheit.
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Durchlichtung der eigenen Schatten
Wenn davon gesprochen wird, dass wir unsere „Schatten" anschauen und nicht verdrängen sollen und dass es erforderlich sei, sich mit den eigenen Schatten auszusöhnen, dann bezieht sich dies auf den hier dargelegten Zusammenhang. Unsere Schatten sind all unsere Aspekte, wo wir selber in der Dualität sind: Wo bin ich im Zuviel? Wo bin ich im Zuwenig? Es geht nicht etwa darum, dass wir unsere Schatten schönreden oder übertünchen, zum Beispiel indem wir sagen würden, „Gut und Böse" / „Licht und Schatten" seien untrennbar miteinander verbunden und seien erst zusammen in dieser Zweiheit eine Einheit. Wie oben dargelegt, wäre diese eine verhängnisvolle Verwechslung bzw. Gleichstellung von Polarität und Dualität und eine Fehlinterpretation der Symbolik von Yin und Yang. (Yin-Yang symbolisiert die Polarität und nicht die Dualität, denn Polarität ist Gleichgewicht, Dualität ist Gegensatz.)
Das Gute ist nicht abhängig vom Bösen
Zur Dualität gehören Gegensätze wie gut und böse, gottzugewandt und gottabgewandt, Unschuld und Schuld, Opfer und Täter, usw. Das bedeutet aber nicht, dass gut und
böse gleichwertig und gleich-gültig sind, wie die Einheitslehren der atheistischen Esoterik behaupten. Warum nicht?
Die Begriffe »gut« und »böse« sind relativ, und relativ bedeutet »abhängig von Bedingungen; in Relation stehend«. Das Relative definiert sich nicht aus sich selbst
heraus, sondern ist abhängig von höheren Kriterien. Philosophisch gesprochen: Das Relative ist abhängig vom Absoluten. Das Gute ist nicht einfach deswegen gut, weil es das Gegenteil des Bösen ist.
Das Gute ist gut, weil es in Resonanz mit dem göttlichen Willen, der göttlichen Liebe, ist. Das Böse hingegen definiert sich nur durch die Negation des Guten. Deshalb besteht die negierende
(»negative«) Seite der Dualität immer aus zwei Einseitigkeiten, dem Zuviel und dem Zuwenig.
Bildlich gesprochen, stehen die Aspekte der Polarität nebeneinander (sie sind gleichwertig), die Aspekte der Dualität stehen untereinander (sie sind nicht gleichwertig,
sondern gegensätzlich).
Gut
|
Böse:
Zuviel / Zuwenig
Liebe
|
Hass:
Rache / Abwendung
gottzugewandt
|
gottabgewandt:
Ego-Überhöhung (Selbsttäuschung) /
Selbst-Erniedrigung (Trennung von der Quelle)
Warum sind Gut und Böse nicht gleichwertig, es sind doch beides relative Realitäten? Weil das Relative nicht unabhängig existiert, sondern immer eingefügt ist in das
Ganze und immer einen Bezug zum Absoluten hat. Deshalb ist es entscheidend, was wir unter »absolut« verstehen. Im ganzheitlichen Verständnis sehen wir das Absolute als den lebendigen Gott mit
Bewusstsein und Willen, weshalb wir hier – und nur hier – einen höheren Maßstab haben, nämlich Gottes Willen (= Liebe, Verbundensein mit der Quelle, Einssein mit Gott und allen Teilen Gottes). Das
Gute, auch das relative Gute, steht in Resonanz mit Gottes Willen, wohingegen das Böse sich selbst abtrennt und abspaltet so wie die symbolische Dunkelheit vom Licht.
So wie die Einheit sollte auch die Dualität nicht undifferenziert betrachtet werden: Das Böse ist das Gegenteil des Guten, aber das Gute ist nicht einfach das Gegenteil
des Bösen. Das Gute definiert sich nicht durch sein Gegenteil, sondern durch seine Entsprechung mit der göttlichen Ordnung. Mit anderen Worten: Das Gute kann aus sich selbst heraus existieren, das
Böse hingegen ist eine Verneinung der göttlichen Ordnung und führt als spaltende Kraft in die eine oder die andere Form von Einseitigkeit, bis in die Extreme. Irrtum ist verfehlte Wahrheit, aber
Wahrheit ist nicht einfach ein verfehlter Irrtum. Hass ist Mangel an Liebe, aber Liebe ist nicht einfach ein Mangel an Hass. Krieg ist Abwesenheit von Frieden, aber Friede ist nicht einfach
Abwesenheit von Krieg.
Die atheistische bzw. monistische Esoterik führt zum Trugschluss, gut und böse seien eine »Einheit« und könnten nur gegenseitig existieren, das heisst: Liebe könne nicht
ohne Hass existieren und ohne Hass gäbe es keine Liebe. Ohne Lüge gäbe es keine Ehrlichkeit. Ohne Dunkelheit gäbe es kein Licht! Ohne das Böse gäbe es nichts Gutes – das ist die archetypische
»luziferische« Rechtfertigung des Bösen. Die atheistische Esoterik tendiert dazu, ein Sprachrohr dieser Weltsicht zu sein.
(Die Aussage dieser Analyse ist jedoch nicht, dass „die Esoterik" oder irgendeine Religion oder Mysterientradition „böse" oder „falsch" sei. Es geht hier nur darum, auf
die Essenz und den gemeinsamen Kern aller Religionen und Mysterientraditionen hinzuweisen, damit die verschiedenen Einseitigkeiten und halbwahren Doktrinen als solche erkannt und überwunden werden
können.)
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Irrtum ist verfehlte Wahrheit, aber Wahrheit ist nicht einfach ein verfehlter Irrtum.
Hass ist Mangel an Liebe, aber Liebe ist nicht einfach ein Mangel an Hass.
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Das theistische Verständnis von Karma
Es gibt keinen Zufall. Bedeutet dies auch, dass es keine unschuldigen Opfer gibt? Und keine schuldigen Täter? Eine weit verbreitete esoterische Ansicht besagt, wenn
ein Schänder ein Kind misshandle oder ermorde, dann entspreche dies dem »Karma« und der »Resonanz« dieses Kindes. Wer heute Opfer sei, sei im letzten Leben ein Täter gewesen.
Betrachten wir diese Ansicht näher. Wenn Person A der Person B etwas antut, dann bedeutet das gemäß der monistischen Logik, dass B im letzten Leben A etwas angetan hat.
Aber dort fing's ebenfalls nicht an, da es keine unschuldigen Opfer gibt. Also hatte vorher A der Person B etwas angetan, weil B vorher A etwas angetan hatte, weil A vorher B etwas angetan hatte,
usw. Wann hat dies begonnen? Bei der Schöpfung? Bei »Adam und Eva«? Was hier vorliegt, ist die esoterische Version der religiösen Prädestinationslehre.*
Irgend etwas stimmt an dieser Logik nicht. Der Hauptfehler ist, dass Karma mit Prädestination gleichgesetzt wird, was eine Halbwahrheit ist, denn Prädestination ist nur
die eine Hälfte des Karma-Gesetzes, des Gesetzes von Ursache und Wirkung (Kausalität). Prädestination ist die eine Seite des Karma, der freie Wille die andere. Kausalität (Karma) bedeutet die Abfolge
von Ursache und Wirkung gemäß dem Prinzip von Aktion und Reaktion. Was immer wir tun (Aktion), erzeugt eine Reaktion. Die Reaktion ist prädestiniert, aber was wir in der jeweiligen prädestinierten
Situation tun, entscheiden wir mit unserem freien Willen. Das heisst: In der Reaktion wirkt die Prädestination, in der Aktion der freie Wille.
Betrachten wir obiges Beispiel: Selbst wenn B der Person A etwas angetan hat und A im nächsten Leben gemäß Prädestination in die Situation kommt, B etwas Ähnliches
anzutun, hat A auch einen freien Willen und damit Verantwortung. B hat A etwas angetan, und so begegnen sich die beiden wieder, und B ist dieses Mal vielleicht ein wehrloses Mädchen und A ein
erwachsener Mann. Durch die Resonanz der Kausalität verspürt A den Impuls, dem Mädchen etwas anzutun, aber gleichzeitig spürt A auch das eigene Gewissen und die innere Stimme, die rufen: »Tu das
nicht!« Wir wissen, dass Gewalt, Betrug, Mord usw. verboten, kriminell und »nicht gut« sind.
Prädestiniert ist immer nur die Situation, aber die Prädestination zwingt uns nicht zu einer bestimmten Handlung, weil immer auch der freie Wille vorhanden ist. Es
stimmt: Es gibt keine Zufälle. Alles, was geschieht, hat eine Ursache, und die Hauptursache ist der freie Wille. Wir haben immer die Möglichkeit, die Weichen neu zu stellen. Das Leben und der freie
Wille finden immer in der Gegenwart statt. Wir können jederzeit neue Karma-Ketten beginnen und auch alte Karma-Ketten auflösen.
Entscheidet sich A, B etwas anzutun, wird A zu einem Täter. Die beiden sind dann nicht etwa quitt, sondern die Situation hat sich verkompliziert, weil es jetzt zwei
Schuldige, d.h. zwei Täter, und zwei Opfer gibt. Die Kettenreaktion von Täter und Opfer geht so lange weiter, bis eine der beteiligten Personen freiwillig aus dem Teufelskreis von Schlagen und
Zurückschlagen aussteigt und als Opfer das Geschehene verzeiht und loslässt bzw. als Täter das Geschehene bereut und wiedergutmacht. Dies meinte Jesus, als er sagte: »Wenn dich einer auf die Wange
schlägt, dann halte auch die andere hin« (Lk 6,29), und »Liebt eure Feinde und betet für sie« (Mt 5,44).
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* Prädestinationslehre: Glaube, dass alles, was geschieht, durch den Willen Gottes vorausbestimmt (»prädestiniert«) ist. Die religiöse Prädestinationslehre gründet in
der Fehlauffassung, dass der Mensch keinen freien Willen haben könne, weil ein freier Wille im Widerspruch zu Gottes Allmacht und Allwissenheit stehen würde. Demgegenüber betont das theistische
Verständnis, dass Gott sowohl Energie (Einheit, Nondualität) als auch Bewusstsein (»Person«, Individualität) ist. Die religiöse P. verabsolutiert einseitig letzteres (»Es gibt nur Gottes Willen«),
die esoterische P. ersteres (»Es gibt nur Gottes Gesetze«). Beide verkennen die entscheidende Rolle des freien Willens in der Kausalität (Karma) und vertreten einen pseudoreligiösen bzw.
pseudoesoterischen Determinismus.
Opfer, Täter und Tat
In Weiterführung der bereits hergeleiteten Erkenntnis, dass Irrtum verfehlte Wahrheit, aber Wahrheit nicht einfach verfehlter Irrtum ist, können wir auch sagen: Jeder
ist seines eigenen Glückes Schmied. Aber nicht jeder ist seines eigenen Unglücks Schmied! Jede Karma-Kettenreaktion hat einen Anfang, der von einer Person gesetzt wird, die eine entsprechende Tat
ausführt und andere Menschen zu Opfern macht, d.h. einen Übergriff ausführt. Hier stellt sich die Frage: Entspricht es nicht der Resonanz dieser Menschen, dass gerade sie zu Opfern
werden?
Diese Frage ist berechtigt, sollte aber nicht von der Schuld des Täters ablenken, und die Antwort lautet: »Urteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet. Denn euer
Urteil wird auf euch zurückfallen« (Mt 7,1–2). Niemandem steht es zu, über andere Menschen zu urteilen und zu sagen: »Das ist deine Resonanz, das ist dein Karma, diese Realität hast du dir selbst
geschaffen.«
Zweifellos gibt es immer wieder Situationen mit Tätern und Opfern. Wenn wir Opfer sind, müssen wir deswegen jedoch nicht in ein Opferbewusstsein und in eine Opferhaltung
fallen. Denn jede Situation hat einen höheren Sinn und einen Aspekt, der uns etwas lehren will. Dies können wir jedoch immer nur auf uns selbst anwenden: Was will diese Situation mir zeigen? Was habe
ich hier zu lernen?
Alles hat einen Sinn. Aber diese Wahrheit kann nur mit einem theistischen Karma-Verständnis richtig (ganzheitlich) erkannt werden. Das Universum ist demnach nicht
einfach eine sinnlose, ziellose, gottlose Einheit von Energie, die sich selbst organisiert (»Selbstorganisation des Universums«), wie in den Weltbildern des Materialismus und Monismus geglaubt wird.
Hinter allem, im Relativen wie im Absoluten, wirkt Bewusstsein als Hauptfaktor der Kausalität – und deshalb auch in der Polarität und in der Dualität.
Was in dieser Formulierung philosophisch und abstrakt klingt, hat in der praktischen Übersetzung äußerst konkrete und aktuelle Bezüge. Denn wie eingangs erwähnt: Der
Bewusstseinswandel, der heute auf allen Ebenen notwendig geworden ist, kann nur geschehen, wenn die Menschheit die vorherrschenden Spaltungen und Einseitigkeiten als solche erkennt und durch ein
neues, spirituelles Unterscheidungsvermögen überwindet.
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